Die Kapellen-Gemeinde Winzlar



Obwohl der Ort Winzlar im Bereich der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover liegt und auch zum Stiftsbezirk des Klosters Loccum gehört, wird die pfarramtliche Betreuung durch das Kirchspiel Bergkirchen wahrgenommen.

Diese Sonderstellung Winzlars hat in der Vergangenheit bereits kirchliche und weltliche Obrigkeiten mehrfach beschäftigt, da aus früherer Zeit keine Urkunden vorliegen, die über das kirchliche Leben, als denn über die Ursache der Kirchspielzugehörigkeit zu Bergkirchen berichten könnten. So schreibt denn der Abt Friedrich Rupstein (1832-1876) in einer Randbemerkung: „...dass man überall im Dunkeln tappt“ oder ein unbekannter königlich-hannoverischer Konsistorialrat von 1861: „...ist ja gerade die Crux, dass wir auch nichts wissen.“


Aber auch die Historiker des 20. Jahrhunderts interpretieren die kirchliche Geschichte Winzlars recht unterschiedlich:

So schreibt denn Wilhelm Wiegmann in seiner Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe von 1912: „Winzlar war früher eine selbständige Kirchengemeinde. Es hatte noch im 14. Jahrhundert eine eigene Kirche und Pfarre, trotzdem das unmittelbar daran gelegene, jetzt wüste Monekehusen ebenfalls Kirche und Pfarre hatte.“

In der Zusammenstellung von Werner Bentrup - Kirchen in Schaumburg - von 1987 heißt es: „Nach der zu Anfang des 18. Jahrhunderts herrschenden Pest, lehnten es die Kirchengemeinden Loccum, Nienburg und Wunstorf ab, in Winzlar seelsorgerlich tätig zu werden. Seit 1725 gehört daher Winzlar zur Kirchengemeinde Bergkirchen, obwohl Bergkirchen in Schaumburg-Lippe, Winzlar aber im Hannoverischen lag.“ Diese Angaben wurden auch in dem Buch der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe - Kirche in Schaumburg-Lippe - übernommen.

Was Konrad Droste in seiner Ortschronik - 800 Jahre Winzlar - mit dem ausführlichsten Aufsatz über die Kapellen-Gemeinde in Winzlar überzeugend berichtet, ist hier in einem Ausschnitt wiedergegeben:

„...Über das kirchliche Leben in Winzlar erfahren wir aus den Urkunden dieser Zeit nichts. Dass es eng verbunden war mit dem Dorf Münchhausen, wo deren Gründer, die Herren von Münchhausen, eine Eigen-Kirche unterhielten, geht ebenfalls aus der Urkunde von 1335 hervor. Zusammen mit den Münchhausener Einwohnern auf dem Haarberg waren nämlich auch die Winzlarer Eigenbehörigen für vier Jahre den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg verpfändet gewesen. In der Formulierung werden diese Einwohner ausdrücklich als Eigenbehörige der im Zusammenhang erwähnten Kirchspiele „Munchhusen et Winkesser“ bezeichnet. Die engen Bindungen zwischen Winzlar und Münchhausen, die damals in Rechtsansprüchen der Herren von Münchhausen in der Gemarkung Winzlar begründet lagen, sind aktenkundig und bis zur Ablösung (Bauernbefreiung) von 1831/33 belegbar.


Die Vermutung, daß diese aus weltlichen Rechten hervorgegangenen Bindungen ihren Niederschlag auch im früheren kirchlichen Leben gefunden haben, ist daher durchaus begründet. Auch aus rein paktischen Erwägungen kann man kaum annehmen, daß sich die Winzlarer zu diesem Zeitpunkt kirchlich nach Loccum oder Bergkirchen orientiert hätten, wenn 800 Meter vor ihrer Haustür eine Kirche bestand, deren Eigentümer zugleich historisch gewachsene Rechte nach Winzlar geltend machen konnten. Umgekehrt erscheint es schwer einsehbar, daß die Herren von Münchhausen ihren in Winzlar abhängigen Bauern die kirchliche Orientierung nach Münchhausen hätten verweigern können, zumal damit ja auch eine wesentliche finanzielle Stärkung der eigenen Kirche verbunden war.

Das es über diese Frühzeit keine Quellen gibt, findet seine Erklärung im Untergang des Dorfes Münchhausen zu Angang des 16. Jahrhunderts. Die Zerstörung des kleinen Ortes und seiner Kirche auf dem Haarberg als weiträumige Auswirkung innerhalb der Hildesheimer Stiftsfehde war so nachhaltig, daß sich die Herren von Münchhausen damals nach Brokeloh zurückzogen.

Für Winzlar mußte dies zugleich den Zwang zur kirchlichen Umorientierung bedeuten. Was lag in dieser Situation näher, als sich für Bergkirchen als nächste und größte Kirche zu entscheiden. ...

... Belege über die genaue und tatsächlich gelaufene kirchliche Entwicklung von Winzlar in dieser Zeit gibt es nicht. Daß aber Winzlar bereits weit vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) nach Bergkirchen eingepfarrt war, steht fest. Es ist ersichtlich aus einem erfolglosen Verfahren, das der damalige Amtmann von Rehburg 1588 anstrengte, um Winzlar aus der Bergkirchener Pfarre zu lösen und seine Einpfarrung nach Rehburg zu erreichen. ...

...Diese Daten widerlegen zugleich eine zuweilen in Winzlar mündlich verbreitete Version einer historischen Begründung für die kirchliche Orientierung nach Bergkirchen. Sie sei deshalb erfolgt, so wird es in einer Familie überliefert, weil das Kloster Loccum zur Pestzeit im Dreißigjährigen Krieg den kirchlichen Beistand verweigert habe. Zu dieser Zeit war aber Winzlar längst nach Bergkirchen eingepfarrt, wie auch die dortigen Kirchenbücher ausweisen...“

Wurden die Winzlarer anfangs in einem in Bergkirchen zugeteilten Friedhofsteil bestattet, änderte sich dies Ende des 17. Jahrhundert. Fortan mussten die Winzlarer bei Beerdigungen nicht mehr den mühsamen Weg nach Bergkirchen auf sich nehmen und konnten ihre Angehörigen auf dem eigenen Friedhof im Ort begraben. Aber auch dies brachte dann und wann Ärgernisse mit sich, da der Bergkirchener Pastor, durch das recht große Kirchspiel nicht immer zur Stelle sein konnte und manches Mal der Schulmeister von Winzlar die Leichenpredigt übernehmen mußte.

Bereits 1684 kam es hierüber zwischen dem damaligen Pastor Wilhelm Benthon und den Winzlarern zum Streit. Daraufhin wurde schriftlich festgehalten, dass die Winzlarer den Begräbnisort ihrer Angehörigen zwischen Bergkirchen und Winzlar frei wählen konnten. Sollte das Begräbnis jedoch in Winzlar stattfinden, war der Pastor verpflichtet nach Winzlar zu kommen, um dort die Leichenpredigt zu halten. Nur im Krankheitsfalle dürfe er sich durch den Schulmeister in Winzlar vertreten lassen.

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Die heutige Kapelle in Winzlar wurde um 1740 erbaut. Dieses bezeugt der mit der Jahreszahl 1740 datierte Wetterhahn auf dem Dachreiter, in dem sich eine kleine Glocke befindet. Es handelt sich um einen schlichten Fachwerkbau, der im Jahre 1983 grundlegend renoviert wurde und als Windfang einen dem Baustil angepassten Vorbau erhielt. Obwohl einige Hinweise auf eine Vorgänger-Kapelle hinweisen, gibt es hierüber keine schriftlichen Quellen.



Vor der Kapelle befindet sich ein kleiner Friedhof und das Kriegerdenkmal der im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen und vermissten Soldaten.


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Quellen: Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe von W. Wiegmann, 1912 / Kirchen in Schaumburg von Werner Bentrup, 1987 / Kirche in Schaumburg-Lippe (herausgegeben von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe), 1995 / 800 Jahre Winzlar von Konrad Droste, 1996 / Kirchenbücher Bergkirchen ab Juni 1648, Pfarrarchiv Bergkirchen