Aus der Schaumburger Landeszeitung 1901
Vornhagen,
8. Aug. (Große Bauernhochzeit) Heute hatte die Stadt Stadthagen
wieder einmal ein Schauspiel, wie sie es nicht so oft erlebt. Früh
am Morgen wurden die Bewohner der Niedernstraße, Markt durch
schallenden Hörnerklang an die Türen und Fenster gerufen.
Ein schön geschmückter Brautwagen, mit 6 stattlichen
Pferden bespannt, fuhr durch die Straßen, um die in Nordsehl
wohnende Braut abzuholen und dem Bräutigam zuzuführen.
Letzterer ist der Hofbesitzer Friedrich Buhs in Vornhagen, erstere
die Jungfrau Engel Marie Hecht aus Nordsehl. Da der Wohnort der Braut
ziemlich entfernt war, so hatte der Bräutigam schon früh
den Brautwagen, der mit 34 Kranzjungfern besetzt war, ausgesandt.
Begleitet wurde der Wagen von 9 Vorreitern, denen Pferdematerial
vorzüglich war. Gegen 8 Uhr waren die Vorerwähnten im Hause
der Braut angekommen und erquickten sich an Braten und Getränken.
Nachdem dann die üblichen Zeremonien: Mitnahme von Andenken,
Abschiedung der Braut beendet waren, wurde die Rückfahrt
angetreten. Unter den Klängen des Liedes: Frisch auf zum
fröhlichen Jagen ging es im runiertem
Trabe fort. Durch das übliche Schatten hatte der Zug
unterwegs manche Unterbrechung und gelangte erst nach 11 Uhr auf dem
Hofe an. Hier wurde von den Vorreitern nach der Musik eine Quadrille
geritten, die vorzüglich ausfiel. Auf dem Hofe hatten sich
inzwischen zahlreiche Gäste, wohl über 400 versammelt. In
einem großen Zelte wurde diesen Erfrischung geboten. Darauf
trat man den Weg zur Kirche an. Nach der Trauung wurde das Mahl
eingenommen, das in großen Kesseln im Freien zubereitet war.
Die bei demselben veranstaltete Sammlung für die Armen ergab den
Betrag von 15 Mark. Nach Schluß des Essens begann im lustigen
Zelte der Tanz, an dem sich jung und alt zahlreich beteiligten. Nicht
unerwähnt soll bleiben, das unter den Hochzeitsgästen eine
Stimmung herrschte, die nicht weniger als gemütlich war und nur
der anbrechende Tag und der Gedanke an die anstrengende Arbeit des
kommenden Tages konnte den Aufbruch der Gäste veranlassen. Von
anderer Seite wird uns aus Anlaß dieser Hochzeitsfeier, bei der
noch manch alter Brauch zu beobachten war, noch geschrieben: Zu den
Hochzeiten wurden früher die Gäste durch einen besonderen
Hochzeitsbitter mit schwungvollen Worten eingeladen. Der Anfang einer
solchen Rede lautete: Hier komm ich hergeschritten, hätt
ich ich Pferd, so käm ich geritten, weil ich aber das nicht hab,
so nehm ich meinen Wanderstab und setze meinen Hut ab. Ich bin
abgefertigt und ausgesandt, von wegen Braut und Bräutigam. Die
beiden Personen haben sich vorgenommen, nächsten Donnerstag
sollten auch Sie zur Hochzeit kommen!. Am Hochzeitsmorgen
begeben sich die Brautknechte, die Braut in einem grünbehängten
Wagen mit sich führend, zu den Eltern des Bräutigams und
fragen bei denselben an, ob sie geneigt seien, das junge Mädchen,
welches sie mit sich führen, als Frau in ihr Haus aufzunehmen.
Die Eltern weisen die Bräutigamsknechte ab mit der Bemerkung,
sie seien mit Erntearbeiten, Dreschen und dergleichen zu sehr
beschäftigt, als das sie sich mit solchen Dingen abgeben
könnten. Die Bräutigamsknechte lassen sich aber nicht
erschrecken, versuchen viemehr wiederholt ihr Heil, bis schließlich
die Eltern des Bräutigams der Braut Schwarzbrot und Wasser
anbieten mit der Hinzufügung, daß sie einverstanden seien,
sie als Frau in ihr Haus aufzunehmen, falls sie mit Brot und Wasser
fürlieb nehmen wolle. Die Braut ist natürlich nicht
einverstanden und sagt, sie sei es zu gut gewohnt und wolle unter
diesen Umständen lieber darauf verzichten, als junge Frau
aufgenommen zu werden. Die den Eltern des Bräutigams diese
Nachricht überbringenden Brautknechte lassen sich aber nicht
abschicken, sondern machen den letzten Sturmangriff, indem sie alle
guten Eigenschaften des Mädchens hervorheben. Jetzt erst sind
die Eltern des Bräutigams besiegt und senden der Braut Kuchen
und Wein. Hierin erblickt dieselbe nun den Beweis, daß man sie
gern als junge Frau in das Haus einziehen sehe und läßt
sagen, in ein Haus, worin ein so schönes Brot gebacken würde,
züge sie mit Freuden ein. Darauf folgt das Zusammentreffen des
jungen Paares. Bei der Ankunft wird der Braut ein Knust Brost
gerreicht, sie muß einmal davon abbeißen, der Rest wird
von ihr aufbewahrt. Falls der abgebissene Knust schimmelt, so soll
dies Unglück bedeuten. Darauf begibt sich das junge Paar zur
Kirche, begleitet von zahlreichen Braut- und Bräutigamsknechten,
vielen Vorreitern und Brautjungfern, welche mit einem besonderen
Kopfschmuck, dem sog. Putz geschmückt sind. Nach der Trauung ins
Haus zurückgekehrt, wird der Braut am Eingange desselben ein
Glas Wein überreicht, welches sie, nachdem sie es geleert,
rücklings über den Kopf zu werfen hat. In dem Zerspringen
des Glases erblickt man Glücjk, während man Unglück
voraussieht, wenn das Glas nicht zerspringt. Jetzt beginnt das
Hochzeitsmahl, an welchem auch Pastort und Küster teilnehmen.
Nach dem Hochzeitsmahl wird das junge Ehepaar von den Braut- und
Bräutigamsknechten in einem Sessel in die Kammer getragen, bei
welcher Gelegenheit die übrigen Hochzeitsgäste dem jungen
Ehemann Mütze und Taschentuch, der jungen Ehefrau die Schuhe,
womöglich die Strumpfbänder, mit Gewalt zu nehmen suchen,
was natürlich von den Braut- und Bräutigamsknechten
möglichst verhindert wird. Gelingst es aber dennoch, so müssen
die geraubten Sachen von Braut- und Bräutigamsknechten mit Geld
wieder eingelöst werden. Wird zu wenig geboten, so verweigert
man die Rückgabe und erst wenn Einigung erzielt ist, werden die
Sachen zurückgegeben. Der Pastor erhielt früher an Gebühren
für eine Traurede außer 1 Thaler von der Braut ein
Taschentuch, welches auf den Altar gelegt und ausgebreitet wurde und
auf welches Braut und Bräutigam 1 Mgr. (Maigroschen)
niederlegten, während die übrigen Begleiter 1 Pfennig, wohl
auch einen untauglichen, zum Opfer brachten. Diese Sitte und auch
diejenige, daß man dem Prediger nach der Hochzeit ein Stück
Rindfleisch, Bier und Suppe zustand, hat längst aufgehört
zu bestehen.